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Sara Aduse - Eine wahre Geschichte - Eine von Vielen

Eine wahre Geschichte - Eine von vielen 

Am 22.11.2019 steige ich in ein Flugzeug, ich habe beschlossen, ich möchte die Frau finden, die mich vor über 20 Jahren beschnitten hat. Ich möchte ihr in die Augen schauen, ich möchte ihr erzählen, was mit mir passiert ist, wie es mir ging und ich möchte ihr auch zuhören und ich möchte wissen, was sie erlebt hat, was sie denkt.  


Was ist vor 20 Jahren passiert? 

 

Ich bin das zweitälteste von sechs Kindern. Mein Vater verlor seine Arbeit und konnte sich nicht mehr um uns Kinder kümmern. Meine Eltern mussten weggehen, um zu arbeiten. Meine zwei Brüder und ich zogen zu unserer Großmutter. Es tat mir weh, dass meine Eltern keine Zeit für mich hatten, aber ich verstand, dass sie arbeiten mussten, damit wir überhaupt überleben konnten. Ich war also bei meiner Großmutter und als ich 7 Jahre alt war, traf meine Großmutter die Entscheidung, mich zu beschneiden. Sie hatte die Beschneidung organisiert, der Termin war festgelegt. Ich wusste noch nichts davon. Als der Tag kam. Es war ein ganz normaler Tag in Harar. Meine Großmutter schickte alle aus dem Haus und sagte mir, ich solle hier bleiben, denn heute werde ich zu eine richtige Frau werden. Du wirst Geschenke und Taschengeld bekommen, und wir werden dich heute feiern. Ich wusste nicht, was mich erwartete, aber ich war sehr aufgeregt und voller Vorfreude. Die Frau, die mich beschneiden sollte, und zwei weitere Bekannte trafen ein. Sie waren im Salon und besprachen die Prozedur. 

Meine Großmutter rief mich und sagte mir: "So Kind, es ist Zeit. Zieh deine Hose aus und setz dich hier in die Mitte. 



Die Beschneidung 

 

Ich war aufgeregt und hatte Angst, ich wusste nicht, was auf mich zukommt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie etwas mit mir machen, was nicht richtig ist. Also sagte ich zu meiner Großmutter: "Ich will unsere Nachbarin hier haben. Sie war eine ältere Frau, über 80 oder 90 Jahre alt. Ich hatte ein sehr nettes Verhältnis zu ihr und sie war damals meine Bezugsperson und ich hatte Vertrauen zu ihr. 

 

Ich geriet in Panik und war total ausgeliefert, konnte nicht weg. Die Frauen hielten mich an allen meinen Gliedern fest. Oma Amina saß hinter mir, ich war zwischen ihren Beinen. Sie flüsterte in mein Ohr und sagte mir, meine Tochter, lass es zu, wehre dich nicht mehr, wenn du dich wehrst, wird es dir noch mehr wehtun. Lass es über dich ergehen und ich verspreche dir, es wird schnell vorbei sein.

Ich schaute ihr tief in die Augen und stimmte zu, dass sie mich beschneiden. Ich wurde festgehalten, rechts, links, von vorne und von hinten. Dann spürte ich einen Stich, einen Stich, der durch meinen ganzen Körper ging, danach hat sie mir mit einem Skalpell ein stuck Fleisch abgeschnitten. Früher war es ein Stuck Fleisch, heute weiss ich, es war meine Klitoris. In diesem Moment als sie mich beschnitten haben war der Schmerz so heftig, dass ich in den Ohnmächtig wurde. 

Die drei Haupt Muster die entstanden sind, durch die Beschneidung

 

Hilflos, Ausgeliefert und Fremdbestimmt

Hilflosigkeit

Ich schrie mir vor Schmerzen die Seele aus dem Leib. Der Schmerz hörte nicht auf, es nahm kein Ende. Ich kniff die Augen zu, in der Hoffnung es ist vorbei, wenn ich sie wieder öffne. Man konnte mir nicht noch mehr Schmerzen zufügen. Der Schmerz übertönte alles, jedes Grundbedürfnis, jedes andere Gefühl, welches ich zuvor hatte Freude, Verspieltheit, Lust all das war wie weg. Als gäbe es nur noch dieses eine unerträgliche Gefühl. Den Schmerz! Und ich konnte mich selbst nicht wehren. Mein Körper rettete sich vor lauter Hilflosigkeit in eine kurze Ohnmacht.
 
Dieses Gefühl der Hilflosigkeit hat mich in meinem Leben auf verschiedene Arten geprägt. Ich war die ganze Zeit hilflos. Ich war total verunsichert, hatte Komplexe und dachte, ich sei es nicht wert, geliebt zu werden. Ich dachte, ich müsse den Menschen dienen oder ihnen gefallen, damit sie mich mögen. Ich ignorierte meine eigenen Bedürfnisse und tat alles, was ich konnte, um geliebt zu werden. Ich konnte mich selbst nicht liebe, Ich wusste nicht, wie ich mich wertschätzen sollte und so war ich abhängig von aussen. Oft fühlte ich eine leere und eine tiefe Trauer, die ich mir nicht erklären konnte.  

 Ausgeliefert
 
Ich war ausgeliefert, nicht in der Lage mir zu helfen. Vier Frauen hielten mich an allen Gliedmassen fest. Es fühlte sich an als würde meine Seele meinen Körper verlassen, nur um den Schmerzen zu entkommen. Es fühlte sich an als würde mir jemand ein Feuerzeug zwischen die Beine halten und mich bei lebendigem Leibe anzünden.
Auch die Tage danach, beim Urinieren brennt es höllisch. Ich dachte nur wann geht es vorbei? 
Die Menschen den ich vertraute, wie konnten sie mir so etwas antun? Ich hatte kein Vertrauen mehr in meine Mutter, hatte kein Vertrauen mehr in die Menschen um mich herum und dachte immer, dass die Menschen mich nicht verstehen, mich nicht mögen und dass ich nicht erwünscht bin. Dadurch hat sich extrem viel Wut angestaut, ich war wütend und war zu Hause extrem aggressiv als Teenager. Ich Verstande mich selbst nicht.
 
 
Ich war ständig überfordert, überfordert vom Leben. Ich wusste nicht, wie ich leben sollte. Ich suchte verschiedene Psychologen und Psychiater auf, in der Hoffnung, meine Antworten zu finden. Wer bin ich? Wie kann ich ein schönes, zufriedenes Leben führen? Ohne Drama, ohne Wut und das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Ich bekam Antidepressiva verschrieben, ohne wirklich zu wissen, was ich wirklich hatte. Es war ein Schrei nach Hilfe.

Fremdbestimmt

Es war über meinen Körper fremdbestimmt, als sie mich beschnitten haben. Ich wurde nicht gefragt und was ich sagte, hatte kein Gewicht. Es wurde mir Gewalt angetan Ich habe Gewalt am eigenen Leib erfahren, gegen meinen Willen. 
 
 
Das hatte Konsequenzen in meine Beziehungen 
 
Ich war in Beziehungen, die toxisch waren und Gewalt war immer das Thema. Es war nie schön. Ich konnte mich nicht öffnen. Zudem bemerkte ich je länger je mehr, dass ich Probleme hatte, wenn mich Menschen berührten. Es waren damals Hände, die mir so schreckliche Schmerzen zufügten. Ich musste lernen, dass Hände, dass Berührung liebevoll und zärtlich sein können.

 

Turningpoint 2018 

Zum ersten Mal habe ich meine Geschichte vor Hunderten von Menschen erzählt. Ich brach das Tabu und durfte erfahren, dass ich mit meiner Geschichte, mit meinem Körper, wie ich bin, geliebt werde. Das gab mir den Mut, den Weg zur Heilung anzupacken. 

 

Und wie habe ich das gemacht?

 

Physische Heilung 

 

Die OP 

Im Februar 2019 habe ich eine Wiederherstellungsoperation im Triemli Spital machen lassen. Nach der Operation habe ich mich selbstbewusster und als ganze Frau gefühlt. Aber die OP hat meinem psychischen «Struggle» nicht geholfen. Ich hatte immer noch Angst von Händen. Der Körper ist das eine, aber die seelische Heilung beansprucht die grössere und wichtigere Arbeit meiner Meinung nach. 

 

Seelische Heilung 

 

Wie habe ich das gemacht? 

 

Ich habe mich mit verschiedenen Techniken und Tools vertraut gemacht und bin, auf der Suche, auf der Suche, nach Heilung. 

Ich habe erkannt, dass ich bestimmte Muster habe, die immer wieder in meinem Leben aufgetaucht sind. 

Nämlich die, die ich bereits erwähnt habe. Wertlos, nicht geliebt, Misstrauen, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und vieles mehr.

 

Es gibt verschiedene Techniken und Therapiemöglichkeiten, die man machen kann. Mir hat die Kinesiologie geholfen. Durch die Kinesiologie hatte ich, ein Erkenntnisse nach anderen und so begann ich, mich selbst zu reflektieren. Und so hat mein Persönliche Heilungsweg angefangen.  


Die Drei Haupt Erkenntnisse die ich hatte

 
Mir wurde bewusst, dass ich extreme Wut auf meine Mutter hatte. Warum? Weil sie mich zu meiner Großmutter gebracht und dort zurückgelassen hatte. Ich schloss daraus, dass ich als Kind meiner Mutter nicht vertrauen konnte, dass die Mutter-Tochter-Beziehung gestört war. Ich habe nicht verstanden, warum ich meine Mutter nicht mochte. Nachdem ich mir dessen bewusstwurde, konnte ich es endlich das was da war auflösen und ihr mit Liebe begegnen. Erst nachdem ich es verstanden hatte, konnte ich anders auf sie reagieren, vorher war es nicht möglich, weil mein System meine Mutter als gefährlich gespeichert hat. Versteht ihr, was ich meine? 
Ich dachte immer, ich sei ein Opfer. Dabei war der Täter. Auch das musste ich erkennen. Ich lernte auch, dass ich vergeben musste, um endlich die Liebe zu spüren, nach der ich mich sehnte. Ich entschied mich bewusst für die Liebe. Für die Selbstliebe. Wenn man seine innere Welt verändert, wird sich automatisch das äußere Welt verändern.  
 
 
 Viele Dinge von außen lösten das Gefühl der Wertlosigkeit aus. Zum Beispiel im Beruf, wenn man nicht viel mit mir sprach, oder im Freundeskreis, wenn meine Meinung nicht akzeptiert wurde, oder in Liebesbeziehungen, wenn man mir nicht antwortete, wurde das Gefühl der Wertlosigkeit ausgelöst. Danach habe ich verstanden, dass ich meinen Wert selbst bestimmen kann und dass er nicht vom Aussen abhängt. Ich begann mich selbst zu lieben und automatisch wuchs mein Wert mir selbst gegenüber. 
 
Ich reiste nach Äthiopien, um meine Großmutter zu treffen und ihr zu erzählen, wie die Beschneidung mein Leben beeinflusst hat. Ich habe mit meiner Grossmutter darüber gesprochen und habe die frau, die mich beschnitten hat, gefunden und auch mit ihr gesprochen. 
 
Was wurde mir bewusst? 
 
Auf meinem Weg der Heilung erkannte ich, dass es mir nicht guttat, wütend, hasserfüllt und frustriert zu sein. Vielmehr hat es mich verletzt. Ich habe erkannt, dass es richtig war, wie ich mich damals gefühlt habe. und es war auch richtig, aber heute im Hier und Jetzt ist es nicht mehr wichtig, diese Emotionen zu behalten, weil es mir in meinem Leben nicht mehr dient. Also habe ich auf Schuld und Vorwürfe verzichtet und den Weg der Vergebung und Liebe gewählt.
 
Danke, dass meine Geschichte mit Euch teilen durfte, denn das Tabu brechen war entscheidet.
 

 

 

Empfehlenswert zum lesen für Menschen die sich für Folgen interessieren 
 
Gesundheitliche Folgen der Weibliche Genitalverstümmelung. 
 
https://www.frauenrechte.de/images/downloads/fgm/FGM-Gesundheit.pdf

Kommentare: 2
  • #2

    Wolfram Ziegenhorn (Samstag, 10 April 2021 01:52)

    Liebe Sara, ich war dabei, als du im Seminar deine Geschichte erzählt hast. Es hat mich zutiefst bewegt und ich war mehr als erleichtert, dass schon an dem Tag zu spüren war, dass sich etwas für dich ändern wird. Das heute zu lesen, berührt mich wieder sehr tief. Ich bin sehr sehr froh, dass Du so deinen eigenen Weg finden konntest und auch davon berichtest. Zu viele schweigen noch. Es tut auch mir als Mann gut, dass du den Mut hast, dazu zu schreiben und zu sprechen. Ich habe selber 4 Schwestern, meine Mutter hatte ein Missbrauchserlebnis. Und und und.... Es mag sich vielleicht komisch anhören, aber diese Last der Gewalt und dieses fürchterlichen Missbrauchs liegt auf vielen von uns. Wie ein grauer Schleier liegt sie zwischen uns und auf uns. Belastet uns und unsere Beziehungen und Familien. Ich bin dir sehr sehr dankbar, dass Du deine eigene Geschichte so detailliert und intensiv teilst. Du bist eine mutige Frau! Danke dafür! Danke für das Zeigen, danke für das Erzählen, danke für dein Herz und deine Offenheit. Und vor allem Danke für die Kraft und diesen besonders schönen Weg, deine Wut und deinen Hass zu wandeln! Das tut uns allen gut. Du tust uns allen gut. Und es ist ein wunderbares Vorbild. Ein magischer Schritt der Versöhnung. Eigentlich unfassbar bei diesen seelischen und körperlichen Verletzungen. Danke! Fühl dich aus der Ferne umarmt. Wolfram

  • #1

    Helen Natsnet (Freitag, 09 April 2021 19:29)

    Nachdem ich dein video auf Tiktok gesehen habe, habe ich umbedingt deine Instagram name gesucht. Um mehr Informationen über deine Geschichte zu erfahren. Da ich Genau das Gleiche erlebt habe. Hat es mir sehr getroffen. Und bin so Dankbar zu erfahren das es Möglich ist sich zu heilen. Du hast mir viele Informationen mitgeteilt die ich nicht wusste.